Stehen wir 2020 vor einem neuen (dritten) „Historikerstreit“?

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Im letzten „Cato“ (Nr. 2, März 2020) geht Karlheinz Weissmann in seinem Beitrag Fritz Fischers langer Schatten auf einen Artikel von Sven Felix Kellerhoff (Welt am Sonntag, zweite Januarausgabe) ein: Dieser hat aus den Niederungen des historischen Alltagsbetriebs der Historischen Zeitschrift (HZ) den Aufsatz von Robert Moores Die deutsche Legende vom »aufgezwungenen Verteidigungskrieg« 1914 herausgepickt, in dem dieser gegen einen ebenfalls in der HZ bereits 2016 erschienen Beitrag des Würzburger Geschichtsprofessor, Rainer Schmidt, unter dem Titel Revanche pour Sedan polemisiert. Darin hatte letzterer in seiner Darstellung des Kriegsendes 1945 erwähnt, „daß es damals neben allen anderen auch deutsche Opfer gab“.
Es gibt aber ein paar Bemerkungen zu dieser sich abzeichnenden Debatte: Erstens, ist ein Herr Robert Moore im Dunstkreis der Historikerzunft ein völlig unbeschriebenes Blatt; entsprechend die Frage: Wer und was steckt hinter dieser Polemik? Zweitens, wurde und wird unter dem schwammigen Begriff „Historikerstreit“ mehr um des ‚Kaisers Bart‘ als um Fakten gestritten, und das deshalb, Drittens, weil die alliierten Archive – darauf wurde bereits in der Januarausgabe unseres Kurier verwiesen – von 1914 bis heute erhebliche Lücken aufweisen.
Unter diesem Aspekt Weissmann:

„Dabei weiß jeder, der sich mit der Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs befaßt, um die bedauerlichen (und wohl nicht immer zufälligen )Lücken der Überlieferungsbestände. Die machen es unumgänglich, auch auf Materialien wie Erinnerungen, Tagebücher oder Briefe zurückzugreifen. Wenn Moore das als Bezug auf das »Anekdotische« lächerlich macht, muß er sich nicht nur ein etwas naives Vertrauen in die Akten nachsagen lassen, sondern auch, daß er das von ihm selbst zitierte Bonmot von Bismarck ignoriert, dem zufolge sich das Wichtige nicht in den Akten findet“.

Faszinierend für die Geschichte ist, daß sie immer auch einen Bezug auf die aufgewühlte Tagespolitik hat: Die Causa Schmidt hatte zur Folge, daß:

„Die Bayerische Landeszentrale für politischen Bildungsarbeit [ . . .] einen bei Schmidt bestellten, von ihr akzeptierten und bereits gesetzten Text zum Kriegsbeginn 1945 kurz vor der Drucklegung zurückgezogen [hat]. Das geschah auf Intervention der Behördenspitze, der nicht geheuer war, daß Schmidt, trotz einer insgesamt moderaten Darstellung, darauf beharrte, daß der Zusammenbruch die Deutschen auch zu Opfern machte“.

Hinweis: Der Aufsatz von Rainer Schmidt Katastrophe und Katharsis. Reflexionen zum Beginn des Zweiten Weltkriegs vor 80 Jahren steht auf der Hausseite des Cato.
Ob die Causa Schmidt in einem dritten „Historikerstreit“ mündet, ist abzuwarten: Spannend wird es auf jeden Fall . . .

Herbert Karl

Cato, Nr. 2, März 2020

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